Blick hinters Rollo eines Journalisten
Ein Nachteil an der Tatsache, dass mein geliebter Gatte von zu Hause aus arbeitet, liegt darin, dass er – sollte er nicht gerade aus Gründen der Recherche unterwegs sein – auch immer zu Hause ist und ich die Wohnung nur selten für mich alleine habe. Aber wir haben das, so glaube ich, bislang ganz gut gelöst, denn er hat sein eigenes Arbeitszimmer, das, wie man es aus Detektivfilmen und -romanen kennt, mit einem Rollo an der Glasscheibe der Tür versehen ist. Dieses wird bei Bedarf heruntergelassen, und Bedarf – das heißt höchst wichtige Schreibarbeit – ist eigentlich immer. Natürlich muss mein Mann sich bei seiner Arbeit außerordentlich konzentrieren, damit jeder Satz, jedes Wort an der rechten Stelle den rechten Ton trifft. Das sind nicht einfach ordinäre Texte, die er da verfasst, das sind kleine Diamanten, vollkommen in ihrer Struktur und Komposition.
Natürlich darf nicht nur ich ihn bei dieser ermüdenden Aufgabe niemals stören, auch ein ungebetener Sonnenstrahl kann das komplizierte Gedankengerüst, das sich mein Mann zu einem Text bereits erdacht hat, im Bruchteil einer Sekunde zum Einsturz bringen. Ablenkung ist für die Aufgabe meines Mannes beinahe ein Genickbruch. Alle Konzentration muss auf das gerichtet werden, was gerade auf seine Verkleidung mit Worten wartet.
Darum haben wir große Schiebegardinen an den Fenstern angebracht. Was sage ich, ein ganzes Schiebegardinensystem! Je nach Lichteinfall und je nach gewünschter Stimmung werden mehr oder weniger lichtdurchlässige Gardinen vor das Fenster geschoben, eine bestimmte Farbe gewählt oder der Raum völlig abgedunkelt, so dass mein Mann sich auch am helllichten Tage, bei Kerzenschein in eine düstere Nachtstimmung versetzen kann. Manchmal braucht er das für seine Romane und Geschichten. In solchen Momenten störe ich ihn lieber überhaupt nicht, selbst dann nicht, wenn sein Verleger anruft. Er ist mir dann immer irgendwie unheimlich.
Herzlichst, Ihre ins Plaudern geratene Margit P.